Ja, da habe ich richtig Lust zu! - mein Gefühl als ich den Aufruf zur gleichnamigen Blogparade von Silke Geissen las. Das entspricht mir. Es kommt leichtfüßig daher und ist gleichzeitig tiefgründig und eigen-sinnig. Und hat Pep.
So eine "Einen Scheiß muss ich!"-Liste verrät viel Persönliches über mich. Will ich das? fragte ich mich. Egal oder noch besser: Gerade darum! Wenn alles Persönliche Tabu ist, wenn alles mit einer schönen Maske versehen wird, wir uns alle verstecken, dann sind wir alle ganz schön einsam.
Einen Scheiß muss ich: Den schönen Schein bewahren.
Echt und work in progress
Auf meiner Liste ist nichts fake. Alles ist echt. Manches ist schon Teil meines Systems geworden und Anderes ist Tagesform und üben.
Du wirst sehen, da steht so Einiges auf der Liste, was irgendwie mit Perfektionismus zu tun hat. Da kann mehr "Einen-Scheiß muss ich!"-Haltung nicht schaden...
Ich übe, lerne und entwickle im Gehen.
Eines ist sie sowieso “Work-in-progress” oder work in process (ok, den Ausdruck habe ich erfunden): Vor zwei Jahren hätten da noch deutlich andere Punkte gestanden und in einem Jahr hoffentlich wieder. Ach was, davon gehe ich aus – denn sonst hätte ich nichts dazugelernt, mich nicht weiterentwickelt.
Hier also ein paar Punkte:
Einen Scheiß muss ich!
- Mein Leben an das anpassen, was in mir als Idee herumschwirrt (aber nicht mehr passt)
- Mich wegducken, wenn ich eine andere Idee oder Meinung habe als die Mehrheit.
- Einen Lebensplan für die nächsten 3, 5 oder 10 Jahre haben.
- Ausschließlich nach dem Positiven in meinem Leben schauen.
- Mich klein fühlen, weil ich nicht mehr den gängigen Ideen von Erfolg entspreche.
- Mich entschuldigen für etwas, was wirklich nicht meine Schuld ist.
- Perfekt Niederländisch sprechen.
- Meinen Riesenschatz an professionellem Wissen hinter dem Berg halten in Gesprächen aus falscher Bescheidenheit oder der Sorge, Grenzen zu überschreiten.
- Überhaupt: Menschen etwas beweisen, egal was.
- Ich muss mir selbst auch nichts beweisen.
- Überall dabei sein, um dazu zu gehören.
- Wogen glätten, wenn es gerade irgendwo scheuert (und es nicht meine Verantwortung ist).
- Mich sofort zurückziehen, sobald ich nicht sofort mit meiner Idee lande.
- Ich muss nicht wissen, wo genau Heimat ist.
- Ich muss nicht leiden unter der Tatsache, dass meine Wurzeln und mein Herz sehr verteilt sind.
- Meinen Vorgarten tip top in Ordnung haben.
- Im Garten arbeiten entspannend finden.
- Sowieso: Niemandem beweisen, dass ich so viel mehr bin als eine Augenerkrankung. Ich bin.
- Jeden Tag alle Stunden sinnvoll füllen.
- Alles weit vor Ablauf einer Deadline fertig haben.
- Zur perfekten Version meiner selbst werden (Mich "optimieren")
- Etwas tun, weil es vermeintlich gut für mich ist. (auch wenn es mir nicht gut tut.)
- Mich damit abfinden, dass Dinge „so sind wie sie sind", ohne zu schauen, was entspannt möglich ist.
- Menschen bei mir halten, die keinerlei echtes Interesse an mir und meinem Leben haben.
- Mich von den Aktivitäten von Vollzeit-Unternehmerinnen unter Druck setzen zu lassen.
- Scham fühlen, wenn ich „Ich bin Coach“ sage und Menschen sich offensichtlich wegdrehen. Die Scham gehört den Scharlatanen, nicht mir.
- (to be continued)
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Muss ich nicht. Und dann?
Ich will diesen Blogartikel schon seit einer Weile schreiben und jetzt ist es jetzt geworden. Was auch deutlich ist: Die Worte hatten es sich schon in meinem System gemütlich gemacht und wirkten. „Hey, einen Scheiß muss ich.“
Es ist nicht einfach nur so ein hingeworfener Satz. Er macht was. Er verändert. Gerade, weil er ein bisschen "rotzig" und nicht weichgespült ist. Weil er mir Spaß macht, gerade weil er nicht in netten Psychosprech verpackt ist.
Und auf jeden Fall auch: Weil er nicht eine Art neuen Befehl gibt, so von „Gebrauche nie das Wörtchen "müssen".
Der Satz ist kraftvoll, spielerisch, ein bisschen mit Augenzwinkern. Und auch lustvoll, gerade wenn du, so wie ich, eher wenig Kraftausdrücke gebrauchst. Und er hat gleichzeitig Substanz und Tiefgang.
Wenn ich wirklich hinter dem "Einen Scheiß muss ich!" stehe, dann kommt fast automatisch ein "Wollen" an seine Seite. Denn nur wissen, was ich nicht muss, bringt ja nicht wirklich weiter. Dann braucht es den nächsten inneren Gedanken: Ok, das muss ich nicht, aber was will ich stattdessen?
Es heißt natürlich nicht, nichts mehr zu tun oder sich um alle Verpflichtungen herumzuschlängeln. Es geht um das Wort "müssen", darum, was es tut und was es aussagt. Es geht um innere Muster und Ideen, die sich seit Kindheitstagen eingeschlichen haben und oft von der Gesellschaft verstärkt werden.
Wenn das kleine und einflussreiche Wörtchen "müssen" verschwindet aus dem Vokabular, dann wird nicht alles easy. Ganz bestimmt nicht. Das ist kein Märchen, sondern das Leben.
Die Steuererklärung zum Beispiel wird dadurch nicht zu einem freudvollen Akt, für mich jedenfalls nicht.
Und doch: Statt "müssen" denke ich: „Ok, das mache ich jetzt. Ich will ja schließlich keine Versäumnisstrafe bezahlen. Und danach, das weiß ich sicher, werde ich mich gut fühlen.“ Musik dazu, leckeren Kaffee und los. Das fühlt sich anders an, oder?
Und gerade dann, wenn es viel tiefer geht als so eine Steuererklärung, führt "Einen Scheiß muss ich" wirklich zu ganz neuen Ergebnissen. Und für mich, als Mensch, dem Freiheit wichtig ist, zu einer inneren Befreiung. Ja, wirklich - keine Übertreibung. Ein Muss ist ein Joch, unter dem ich jedenfalls gebückt gehe.
Nimm mein: „Perfekt Niederländisch sprechen": Wie sehr begrenzte mich diese halb unbewusste Idee! Denn das ist ja ehrlicherweise nur der erste Teil eines Satzes, der sich fortsetzt mit Glaubenssätzen wie: "um das Wort vor einer Gruppe zu ergreifen". "um wirklich dazuzugehören." "um auf Niederländisch zu coachen". Das alles ist nicht wahr.
Tiefsitzende Muster sind nicht von heute auf morgen weg. "Einen Scheiß muss ich" gibt mir gerade durch diese etwas rotzige Wortwahl auch die Erlaubnis für Spielerisches, dafür, mit Lust auszuprobieren und entspannt zu üben. Einfach mal etwas anders zu tun als bisher und zu merken: Hey, das funktioniert ja. Hey, das tut ja gar nicht weh, im Gegenteil. (Das kennen auch meine Coachees von mir: Ausprobieren, mutig neue Schritte setzen, sich freuen, was möglich ist. Im Handeln Neues lernen.)
Einen Scheiß muss ich!
Einen Scheiß musst du!
Und jetzt zu dir: Ich bin auf deine „Einen Scheiß muss ich“ Top 3 gespannt! Und auch darauf: Was stattdessen? Schreibe es in die Kommentare.
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Liebe Anne,
endlich komme ich zum Lesen deines schönen Beitrags zu meiner Blogparade! Vielen Dank, dass du der Welt erneut einen Artikel schenkst, der Ruhe verströmt. Wie machst du das nur, ich finde es ganz wunderbar.
Ja, keinen Scheiß zu müssen ist herrlich entspannend, sowieso, und dann auszugraben, was wir selbst zu müssen glauben und doch meist selbst gewählt haben.
Ich tue es mal Lydia nach und nenne dir meine Top 3:
Ich muss nicht überall dabei sein.
Ich muss niemandem, auch mir, nichts beweisen.
Ich muss nicht Menschen bei mir und in meinem Leben halten, die sich nicht ehrlich für mich interessieren (oder mich gar heimlich verurteilen und aus einer Art Voyeurismus in meinem Orbit bleiben).
Danke, liebe Anne, fürs Dabeisein und Mitmachen.
Herzlichst,
Silke
Hallo liebe Silke, danke für deine Blogparade! Ich bringe Ruhe rein? Was für eine schöne und für mich im besten Sinne überraschende Rückmeldung.“..was wir selbst zu müssen glauben und dann doch meist selbst gewählt haben“. So wichtig diese Erkenntnis. Und so wichtig, dass es, wie bei dir auch, ohne Sebstoptimierungsdruck daher kommt.
Ganz viele Punkte von Deiner Liste würden auch auf meiner Liste stehen.
Meine Top drei:
Ich muss nicht alles aufarbeiten was andere nicht schaffen
Ich muss meinen Wert niemandem beweisen – auch mir selbst nicht
Ich muss … gar nichts.
Hallo liebe Lydia, „ich muss…gar nichts“. Da merke ich sofort: Dann kommt so viel „wollen“ mit ins Spiel. Bei dir auch?